Leben zwischen zwei Kulturen bedeutet oft mehr als nur eine neue Sprache zu lernen oder sich an ein anderes System zu gewöhnen. Es bedeutet, innerlich ständig zwischen zwei Welten zu stehen und dabei das Gefühl zu haben, nirgendwo ganz anzukommen.
Als ich nach Deutschland gezogen bin, dachte ich, ich sei vorbereitet.
Ich hatte Wissen, Ausbildung, eine starke Arbeitsmoral und Erfahrung. Ich war überzeugt: Das wird reichen.
Doch sehr schnell merkte ich etwas anderes.
Wie angespannt ich ständig war.
Wie sehr ich mich bemühte, keine Fehler zu machen.
Wie oft ich jedes Wort, jede Entscheidung und jede Reaktion hinterfragte.
Nach außen sah es so aus, als würde alles funktionieren.
Innerlich hatte ich das Gefühl, ständig unter Beobachtung zu stehen als müsste ich beweisen, dass ich es verdiene, hier zu sein.
Wenn du eine Frau vom Balkan bist, die in Deutschland lebt und arbeitet, ist dir dieses Gefühl vermutlich sehr vertraut.
Und nein es liegt nicht daran, dass du nicht gut genug bist.
Leben zwischen zwei Kulturen und ständige Anpassung
Viele Frauen vom Balkan sind mit klaren Botschaften aufgewachsen:
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„Du musst fleißig sein.“
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„Arbeite mehr als andere.“
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„Mach keine Fehler.“
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„Beweise dich durch Leistung.“
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„Fall nicht auf, aber sei besser.“
Auch ich bin mit diesen inneren Stimmen groß geworden.
In Deutschland treffen diese Überzeugungen auf ein System, das Selbstbewusstsein, Direktheit, klare Grenzen und innere Sicherheit schätzt.
Und genau hier entsteht etwas, das selten offen benannt wird: ein innerer Konflikt zwischen dem, wer du bist, und dem, wer du glaubst sein zu müssen.
Ich erinnere mich gut daran, wie sehr ich glaubte, alles im Voraus wissen zu müssen.
Dass ich kein Recht habe, Fragen zu stellen.
Dass Fehler Schwäche bedeuten.
Dass Unsicherheit gleich Inkompetenz ist.
Nach außen funktionierst du.
Nach innen zweifelst du ständig an dir selbst.
Woher kommt die Überzeugung, dass wir unseren Wert beweisen müssen?
Diese Überzeugungen entstehen selten erst im Erwachsenenalter.
Meist tragen wir sie schon seit unserer Kindheit in uns.
Wenn wir als Mädchen vor allem für Leistung, Ergebnisse und Verantwortungsbewusstsein gelobt wurden und weniger dafür, wer wir sind lernen wir früh: Unser Wert hängt davon ab, was wir leisten.
Bei mir äußerte sich das als permanenter innerer Druck:
immer ein bisschen mehr, ein bisschen besser, ein bisschen stärker.
Später zeigt sich das oft als:
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Perfektionismus
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Imposter-Syndrom
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Angst vor Fehlern
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Schuldgefühle beim Ausruhen
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Unfähigkeit, wirklich abzuschalten
In Kombination mit Migration, neuer Sprache und neuer Kultur verstärkt sich dieses Muster noch mehr.
Denn plötzlich beweist du nicht nur dich selbst sondern auch, dass du dazugehört.
Vom „Ich muss“ zum „Ich will“ – ein innerer Wendepunkt
Einer der wichtigsten Momente auf meinem eigenen Weg war der, in dem mir auffiel, wie oft ich das Wort muss benutze:
Ich muss durchhalten.
Ich muss stark sein.
Ich muss mich anpassen.
Ich muss mehr wissen.
Ich muss besser sein.
Doch ein Leben im ständigen „Ich muss“ führt nicht zu Wachstum.
Es führt zu Erschöpfung.
Erst als ich begann, mir andere Fragen zu stellen Was will ich wirklich? Was ist mir wichtig? Wo verliere ich mich, um anderen zu gefallen? kam ich wieder in Kontakt mit mir selbst.
Du musst dich nicht beweisen, um wertvoll zu sein
Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis, die ich selbst lernen musste und die ich heute an Frauen weitergebe, die zwischen zwei Kulturen leben:
Du bist wertvoll, wenn du arbeitest.
Du bist wertvoll, wenn du dich ausruhst.
Du bist wertvoll, wenn du etwas nicht weißt.
Du bist wertvoll, auch wenn du nicht perfekt bist.
An sich selbst zu arbeiten bedeutet nicht, sich zu reparieren.
Es bedeutet, sich von Lasten zu befreien, die nie deine waren.
Dieses ständige „Ich muss“ hat selten etwas mit Ehrgeiz zu tun.
Viel öfter mit Kindheit, Kultur und einer Migrationserfahrung, in der man glaubt, besser sein zu müssen, um seinen Platz zu verdienen.
Der Preis dafür ist hoch: Erschöpfung, Burnout und das Gefühl, dass es nie genug ist.
Stärke entsteht nicht durch Druck, sondern durch Erlaubnis
Heute arbeite ich mit Frauen, die genau dort stehen, wo ich selbst einmal war: kompetent, klug und stark aber müde. Frauen, die zwischen zwei Welten leben und versuchen, in beiden zu funktionieren, oft auf Kosten ihrer selbst.
Meine Arbeit basiert nicht auf Druck und „Du musst“.
Sondern auf Sicherheit, Verständnis und Raum.
Denn echte Veränderung entsteht nicht aus Angst – sondern aus innerer Erlaubnis.
Vielleicht trägst du auch diesen Satz in dir: „Was soll ich denn machen, ich bin eben so.“
Vielleicht hast du nur gelernt, so sein zu müssen, um zu überleben.
Und was würde passieren, wenn du dir wenigstens für einen Moment erlaubst zu fragen:
Was will ich eigentlich wirklich?
Sehr oft beginnt genau dort die Veränderung.
